ZeugnisspracheWie die Note im Zeugnis versteckt ist
Kein Zeugnis schreibt „Note 3“. Die Note steckt in kleinen Wörtern, in der Reihenfolge und in dem, was fehlt. Hier sind alle Regeln auf einer Seite.
Mein Zeugnis entschlüsseln
Arbeitszeugnis Noten: die drei wichtigsten Sätze je Note
| Note | Leistung | Verhalten | Schluss |
|---|---|---|---|
| 1 sehr gut | stets zu unserer vollsten Zufriedenheit | stets vorbildlich | bedauern sehr, weiterhin viel Erfolg |
| 2 gut | stets zu unserer vollen Zufriedenheit | stets einwandfrei | bedauern, viel Erfolg |
| 3 befriedigend | zu unserer vollen Zufriedenheit | einwandfrei | Dank, alles Gute |
| 4 ausreichend | zu unserer Zufriedenheit | insgesamt einwandfrei | nur alles Gute |
| 5 mangelhaft | im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit | im Großen und Ganzen ohne Beanstandung | kein Dank, kein Wunsch |
Auf dem Handy seitlich wischen. Alle Abstufungen findest du in der Formulierungs-Tabelle.
Sieben Techniken, mit denen Kritik freundlich klingt
- Abstufung
- „vollen“ statt „vollsten“
Ein fehlender Superlativ kostet eine ganze Note. - Einschränkung
- „im Allgemeinen“, „weitgehend“
Klingt vorsichtig, bedeutet: oft nicht. - Auslassung
- Vorgesetzte fehlen im Verhaltenssatz
Was erwartet wird und fehlt, ist die eigentliche Aussage. - Reihenfolge
- Kollegen vor Vorgesetzten
Unwichtiges zuerst zeigt, wo es Probleme gab. - Selbstverständliches betonen
- „war stets pünktlich“
Wer nur Pünktlichkeit lobt, hat sonst wenig zu loben. - Doppelte Verneinung
- „nicht unerheblich“
Ein abgeschwächtes Lob, gemeint ist: ein wenig. - Bemühen statt Erfolg
- „war bemüht“, „zeigte Interesse“
Der Versuch wird gelobt, weil das Ergebnis fehlt.
Arbeitszeugnis entschlüsseln in drei Schritten
- 1
Zufriedenheitsformel suchen
Finde den Satz mit „Zufriedenheit“ oder „Erwartungen“. Er gibt die Leistungsnote vor.
- 2
Verhalten und Schluss prüfen
Stimmt die Reihenfolge Vorgesetzte, Kollegen, Kunden? Gibt es Dank, Bedauern und Erfolgswünsche?
- 3
Auf Codes und Lücken achten
Markiere Einschränkungen, „bemüht“ und betonte Selbstverständlichkeiten. Prüfe, was für deine Stelle fehlt.
Bekannte Geheimcodes und was sie bedeuten
Verboten sind sie trotzdem. Taucht einer davon in deinem Zeugnis auf, kannst du eine Korrektur verlangen.
„Wir wünschen ihm für die Zukunft mehr Erfolg.“
Mangelhaft. „Mehr Erfolg“ heißt: Bisher war er nicht erfolgreich.
„Sein Verhalten gegenüber Kollegen und Vorgesetzten war einwandfrei.“
Reihenfolge-Code: Kollegen vor Vorgesetzten deutet auf Spannungen mit Vorgesetzten.
„Ihr Verhalten gegenüber den Kollegen war stets einwandfrei.“
Auslassung: Die Vorgesetzten fehlen. Das deutet auf Konflikte mit der Führung.
„Durch seine Geselligkeit trug er zur Verbesserung des Betriebsklimas bei.“
Bekannter Code für Alkohol am Arbeitsplatz oder übermäßiges Feiern.
„Für die Belange der Belegschaft bewies sie stets Einfühlungsvermögen.“
Bekannter Code für unangemessene private Annäherung im Betrieb.
„Er setzte sich engagiert für die Interessen der Kollegen ein.“
Hinweis auf Betriebsrat- oder Gewerkschaftsarbeit. Die darf im Zeugnis nicht ohne deine Zustimmung stehen.
„Sie war stets pünktlich.“
Pünktlichkeit ist selbstverständlich. Wird sie betont und fehlt anderes Lob, ist das ein Warnsignal.
„Er war stets bemüht, die Aufgaben zu unserer Zufriedenheit zu erledigen.“
Klassiker: „bemüht“ heißt, er hat es versucht, aber nicht geschafft.
„Sie ging mit großem Eifer und Interesse an ihre Aufgaben.“
Fleiß und Interesse statt Ergebnis: Es wurde viel getan, aber wenig erreicht.
„Er zeigte für seine Arbeit Verständnis.“
Bedeutet: wenig Einsatz, eher bequem bis faul.
„Sie war tüchtig und wusste sich gut zu verkaufen.“
Bedeutet: wichtigtuerisch, mehr Schein als Leistung, unangenehm im Team.
„Er galt als toleranter Mitarbeiter.“
Bedeutet: schwierig im Umgang, vor allem mit Vorgesetzten.
„Mit ihren Vorgesetzten kam sie gut zurecht.“
Bedeutet: angepasst, Mitläuferin ohne eigene Meinung.
„Wir haben ihn als umgänglichen Kollegen kennengelernt.“
„Kennengelernt“ heißt: Die Eigenschaft zeigte sich anfangs, später nicht mehr.
„Sie war eine umgängliche Kollegin.“
Bedeutet: im Team wenig beliebt, man sah sie lieber gehen.
„Er erledigte alle Arbeiten ordnungsgemäß.“
Dienst nach Vorschrift, keine Eigeninitiative.
„Sie erledigte die ihr übertragenen Aufgaben.“
Ohne Bewertung heißt das: Sie tat nur, was man ihr auftrug.
„Er hat ein gesundes Selbstvertrauen.“
Bedeutet oft: überspielt fehlendes Können mit großem Auftreten.
„Sie war eine anspruchsvolle und kritische Mitarbeiterin.“
Bedeutet: eigensinnig, nörgelt gern, schwer zufriedenzustellen.
„Wir wünschen ihm alles Gute, vor allem Gesundheit.“
Hinweis auf häufige Krankheitstage. Das hat im Zeugnis nichts verloren.
„Das Arbeitsverhältnis endete im gegenseitigen Einvernehmen.“
Meist Aufhebungsvertrag oder Kündigung durch den Arbeitgeber. Neutral, aber Leser fragen nach.
„Er arbeitete im Rahmen seiner Fähigkeiten.“
Bedeutet: Die Fähigkeiten waren gering.
„Sie hatte Gelegenheit, die Abläufe der Buchhaltung kennenzulernen.“
Bedeutet: Sie hat zugeschaut, aber kaum selbst gearbeitet.
„Er hat nicht unerheblich zum Erfolg des Projekts beigetragen.“
Doppelte Verneinung schwächt das Lob ab. Gemeint ist: ein wenig.
„Sie galt im Kollegenkreis als hilfsbereit.“
„Galt als“ gibt nur den Ruf wieder. Das Unternehmen bestätigt es nicht selbst.
„Er stand Neuerungen stets aufgeschlossen gegenüber.“
Bedeutet: offen dafür, aber umgesetzt hat er sie nicht.
„Wir wünschen ihr bei der Suche nach einer neuen Stelle viel Erfolg.“
Verrät, dass noch keine neue Stelle in Sicht ist. Oft ein Hinweis auf eine Kündigung durch den Arbeitgeber.
„Er war ein ehrlicher und pünktlicher Mitarbeiter.“
Bei Kassen- oder Vertrauenspositionen muss die Ehrlichkeit erwähnt sein. Fehlt sie dort, ist das ein Warnsignal.
„Sie delegierte Aufgaben stets erfolgreich.“
Bedeutet: Sie hat Arbeit gern an andere abgegeben.
„Er trug sachlich zur Lösung von Problemen bei.“
„Sachlich“ und „korrekt“ im Umgang bedeuten oft: kühl und distanziert.
„Durch ihr ruhiges Wesen fiel sie im Team nicht weiter auf.“
Bedeutet: kaum Beitrag, wenig Initiative.
Häufige Fragen
Was ist Zeugnissprache?
Die feste Art, in der Arbeitszeugnisse geschrieben werden. Weil Zeugnisse wohlwollend sein müssen, wird Kritik nicht offen ausgesprochen, sondern über Abstufungen, Einschränkungen und Auslassungen ausgedrückt.
Sind Geheimcodes im Arbeitszeugnis erlaubt?
Nein. Nach § 109 Gewerbeordnung muss ein Zeugnis klar und verständlich sein und darf keine Merkmale oder Formulierungen enthalten, die etwas anderes aussagen als der Wortlaut. Findest du einen Code, kannst du eine Korrektur verlangen.
Welche Noten gibt es im Arbeitszeugnis?
Die Skala entspricht den Schulnoten von 1 (sehr gut) bis 5 (mangelhaft), manchmal bis 6. Die Note steht nicht als Zahl im Text, sondern ergibt sich aus Formulierungen wie „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“.
Welche Note ist im Arbeitszeugnis Durchschnitt?
Rechtlich gilt die Note 3 als Durchschnitt. In der Praxis bekommen die meisten Beschäftigten eine 2 oder besser. Deshalb wirkt eine 3 auf Personaler oft schwächer, als sie gemeint ist.
Was bedeutet „hat sich bemüht“?
Es ist eine der bekanntesten negativen Formulierungen. Sie lobt den Versuch und verschweigt damit den Erfolg. Gemeint ist meistens eine mangelhafte Leistung.
Kann ich mein Zeugnis kostenlos entschlüsseln lassen?
Ja. Füge den Text in den Zeugnis-Check auf der Startseite ein. Er erkennt über 100 Formulierungen und Codes und zeigt eine grobe Gesamtnote. Der Text bleibt dabei in deinem Browser.